Der von der FAZ veröffentlichte Artikel zur Trojaner-Attacke auf die iranischen Atomanlagen in Bushehr lässt aufhorchen. Demnach wurde ein Schadprogramm in die Anlage eingeschleust, welches die Kontrollfunktionen der Systeme im Verborgenen übernehmen und steuern kann. In letzter Konsequenz wäre eine “kontrollierter” Störfall denkbar.
Aufgrund der Komplexität des Trojaners sowie notwendigen Insider-Wissens gehen Experten davon aus, dass der Angriff von staatlicher Seite kommen musste, mit dem Ziel, den Iran von der möglichen Konstruktion einer nuklearen Bombe abzuhalten.
Das Staaten oder Individuen über das Internet oder vergleichbare Netzwerke Angriffe gegen die Infrastrukturen anderer Staaten führen ist von der Öffentlichkeit noch weitestgehend unbemerkt, da zumeist allein Regierungsrechner betroffen waren und überwiegen geheime Daten abgeschöpft wurden.
Estland 2007
Einer der größten Cyber-Attacken in jüngerster Zeit war der Angriff auf Estland im Frühjahr 2007. Nach dem Streit um die Entfernung eines Denkmals für die sowjetische Armee sahen sich Webseiten des estnischen Parlaments, Banken und Ministerien verschiedenen Botnet und denial-of-service Angriffen ausgesetzt. Die estnische Regierung machte Russland für die Angriffe verantwortlich, auch wenn dessen direkte Verantwortung nicht belegt werden konnte. (Dennoch bekannte sich später ein Mitglied der Nashi, einer Jugendorganisation der Kreml-treuen Partei “Einiges Russland”, zu der Attacke.)
Es ist deshalb auch kein Zufall, dass das NATO Cooperative Cyber Defence Centre of Excellence 2008 in der estnischen Hauptstadt Tallin gegründet wurde.

US Cyber-warriors
Mit der Geschwindigkeit, mit welcher moderne Kommunikationstechnologien weiterentwickelt werden, wird auch deren Einsatz zu kriegsähnlichen Zwecken erprobt. Dabei ist das Abhören gegnerischer Kommunikation und das Abschöpfen von Informationen nur die niedrigste Schwelle im “elektronischen” Gefecht.
Vermutlich wird der Einsatz von “digitalen Kriegern” in Zukunft an Bedeutung gewinnen. Aus NATO-Kreisen wurde bekannt, dass schon heute die Möglichkeit besteht, die Kritischen Infrastrukturen von Staaten komplett zu lähmen. Aber was bedeutet das ?
Unter “Kritischen Infrastrukturen” (KRITIS) versteht man
… Institutionen und Einrichtungen mit wichtiger Bedeutung für das staatliche Gemeinwesen, bei deren Ausfall oder Beeinträchtigung nachhaltig wirkende Versorgungsengpässe, erhebliche Störungen der öffentlichen Sicherheit oder andere dramatische Folgen eintreten würden. (Wikipedia)
Zu diesen Infrastrukuren gehören nicht nur Strom- und Wasserversorung sowie Telekommunikationsnetze sondern ebenso elektronische Handelssysteme oder Überwachungssystem für die chemische Industrie.
“Moral bombing”?
Somit böten großflächige digitale Angriffe auf diese Systeme weitreichende strategische Möglichkeiten. Ein Szenario wäre die längerfristige Lahmlegung der Wirtschaft durch das Verhindern von elektronischen Banktransaktionen und Unternehmenskommunikation. Im Zusammenwirken mit Handelssanktionen könnte die Wirtschaft in einigen Staaten soweit geschwächt werden, dass es zu Versorgungsengpässen in der Bevölkerung käme. Somit würde mittelbar Druck auf die Regierenden ausgeübt werden.
Es bleibt jedoch fraglich ob solche Angriff den gewünschten Erfolg zeigen. Ein
ähnliches Vorgehen, nur mit ungleich höherer Intensität und Konsequenzen fand bereits im Zweiten Weltkrieg statt. Während die deutsche Luftwaffe mit Luftangriffen auf die Zivilbevölkerung von Coventry, London und anderen Städten Großbritanniens Durchhaltewillen schwächen wollte, zielte das Vorgehen des britischen Bomber-commands, deutsche Städte im Feuersturm untergehen zu lassen, ebenso darauf ab, die deutsche Bevölkerung von der Unterstützung der Nationalsozialisten abzubringen.
In beiden Fällen wurde das Gegenteil erreicht. Im Angesicht von Millionen von zerstörten Wohnungen und hunderttausenden von toten Zivilisten versammelte sich die Bevölkerung erst recht hinter dem Banner der jeweiligen Seite.
Ein Cyber-Angriff, der durch die Lähmung von Kritischen Infrastrukturen auch die Zivilbevölkerung treffen würde, könnte zu ähnlichen Effekten führen. Die Attacken können zu propagandistischen Zwecken ausgenutzt werden, insbesondere wenn durch das Kappen von Internetverbindungen und Mobilfunknetzen für die Bevölkerung keine Möglichkeit mehr zum Einholen von objektiven Nachrichten besteht. Die Informationshoheit läge dann wieder beim Regime; die Entbehrungen der Zivilbevölkerung trügen zu größerer Loyalität bei. Allerdings kann davon ausgegangen werden, dass diese Art der Kriegsführung bei der Menschenleben und Material geschont werden, bei den Strategen in Zukunft in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gelangen wird.
Weitere Implikationen bleiben
Es bleiben aber neben der genannten zweifelhaften Wirksamkeit der Attacken weitere Fragen:
Gilt ein elektronischer Angriff als Akt im Sinne eines “militärischen Angriffs”? Würde dann z.B. im Falle einer solchen Attacke auf einen NATO-Mitgliedsstaat der Bündnisfall gem. Artikel 5 des NATO-Vertrages in Kraft treten? Darf man einen solchen “Angriff” dann mit herkömmlichen militärischen Mitteln beantworten oder muss man auf dem “digitalen Schlachtfeld” bleiben?
- Wie kann man eine “schmutzige digitale Bombe” verhindern? Nicht nur in Bushehr, auch in westlichen Ländern wurden Rechnernetzwerke durch Viren und Trojaner geschädigt, die über USB-Sticks verbreitet wurde. Diese USB-Sticks waren im Vorfeld infiziert und wurden kostenlos im Umfeld als Werbe-Artikel verteilt. Hier müssen Mitarbeiter von Behörden und Unternehmen in Kritischen Infrastrukturen stärker sensibilisiert werden.
Die Bedeutung von Cyber-Attacken für die Kriegsführung des 21. Jahrhunderts kann nicht unterschätzt werden, in ihrer Dimension ist sie vergleichbar mit der Einführung von Luftfahrtzeugen zu militärischen Zwecken zur letzten Jahrhundertwende.
Bilder: gemeinfrei / Wikipedia








